Der Roman ist ein typischer Vertreter der Weimarer Klassik. Goethe greift ein gesellschaftliches Thema auf und verbindet es mit einem naturwissenschaftlichen Gleichnis. Die gesellschaftlichen Zwänge von Sitte und Norm werden den individuellen Empfindungen und Neigungen gegenübergestellt. Eduard ein reicher Baron lebt mit seiner Gattin Charlotte zurückgezogen in einem Schloss. In zweiter Ehe haben die beiden Liebenden von einst endlich zueinander gefunden. Diese Idylle wird gestört als Eduard seinen Freund den Hauptmann auf das Anwesen einlädt. So lässt auch Charlotte ihre Nichte Ottilie herbeiholen damit diese ihr Gesellschaft leistet. Bald schon fühlt sich Eduard zu Ottilie und Charlotte zum Hauptmann hingezogen. First Page: Die Wahlverwandtschaften Johann Wolfgang von Goethe Die Wahlverwandtschaften Hamburger Ausgabe Band 6 Eduard so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen. Sein Geschäft war eben vollendet; er legte die Gerätschaften in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnügen als der Gärtner hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleiße des Herrn ergetzte. Hast du meine Frau nicht gesehen? fragte Eduard indem er sich weiterzugehen anschickte. Drüben in den neuen Anlagenversetzte der Gärtner. Die Mooshütte wird heute fertig die sie an der Felswand dem Schlosse gegenüber gebaut hat. Alles ist recht schön geworden und muß Euer Gnaden gefallen. Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf ein wenig rechter Hand die Kirche über deren Turmspitze man fast hinwegsieht gegenüber das Schloß und die Gärten. Ganz recht versetzte Eduard; einige Schritte von hier konnte ich die Leute arbeiten sehen...